Ein Neues Zuhause für Schwelle7, Berlin



Die Schwelle7 ist experimenteller Körperarbeit und Körperforschung gewidmet, vor allem aber Spiel, Zauberei und sanftem Wahnsinn.“


Zurück von der xplore, dem großen Festival der Schwelle7... warm, weich, erfüllt, satt, inspiriert, beglückt, beklatscht, be- und immer noch ge-fesselt, frag ich mich gerade nachdenklich und neugierig was die Schwelle7 für mich ist.


Die Schwelle7 muß zum Ende des Jahres aus ihren gemieteten Räumen raus. Da sie mehr oder minder ein NonProfit Unternehmen ist, und nichts angespart hat, steht sie vor möglicherweise vor dem Exitus. Der Versuch neue Räume zum Mieten zu finden ist schwer, eigene Räume zu kaufen mit der finanziellen Situation unmöglich. Felix und die Community haben jetzt ein Crowdfunding gestartet.



Die Schwelle7 zu verlieren.... das geht gar nicht …. die Vorstellung ist unmöglich...


Das ist für mich, als würde der Welt ein ganz wichtiger Teil fehlen, ein wichtiges Stück Kultur, viel wichtiger als irgendwelche Baudenkmäler oder Weltkulturerben, denn die Schwelle ist irgendwie als Kultur ganz und gar Jetzt. Und das ganz ohne Sprüche und irgendwelches Brimborium.


Obwohl ich nun viele Jahre auf einem spirituellen oder tantrischen Pfaden tanze, gehe, holpere und stolpere, mich hier und da ein wenig dazu gesetzt und gelernt und erforscht habe, gibt es bis auf ein paar wunderbare Menschen nichts was mich als Projekt so fasziniert, inspiriert und weit in meine Arbeit beeinflusst hat, wie die Schwelle7 in Berlin.


Viele Gemeinschaften, Ideen, Prinzipien, spirituell, ideell, psychologisch, künstlerisch, frei Liebend, Poly oder what ever hab ich mir angeguckt, rein gefühlt oder mich auch schon mal rein gelebt. Aber irgendwie fing es nach einer Weile immer an zu klingeln in den Ohren.

Klingeln tut es bei mir immer, wenn ich eine größere Diskrepanz zwischen gedacht und gelebt wahrgenommen, zwischen Anspruch und Realität... Merkwürdige Hierarchien, Machtthemen, Verdrehungen, Doppelbotschaften...


Zwar werden alte Konditionierungen aufgebrochen, hin und wieder auch sanft aufgelöst... aber ganz schnell werden wieder neue geschaffen, denn der Raum dazwischen ist unsicher... insecure


Insecure. das ist genau der Raum, wo die Schwelle sich vorzugsweise bewegt...


Und plötzlich ist da ein seltsamer Platz inmitten dieser Selbst

-erkenntnis, -verbesserung, -optimierungs und -erleuchtungs-wirrwarrs der letzten Jahre... der dem ganzen Wachstumswahn at absurdum führt, Unsicherheit bevorzugt und und nix weiter will als einfach nur spielen.


Und da sitze ich, mitten drin, ein Seil in der Hand, mit einen hübschen Füßchen dran, den ich nach meinem Willen bewegen kann, im Schoß die Besitzerin des Füßchens, genüsslich schnurrend... so einfach... wo wollte ich die ganzen letzten spirituellen Jahre eigentlich hin? Und wozu?


Warum denn eigentlich immer irgend etwas heilen, weiter entwickeln verbessern?

Wie oft saß ich irgend einem vermeintlich oder wirklich erleuchteten oder seinen nachplappernden Jüngelchen gegenüber und hab mich eher getrennt als verbunden empfunden. Ich bin noch nicht so weit, ich verstehe das noch nicht... ich muss noch dies und das... Kopfkratz... Muss ich wirklich?


Wenn ich hier weine, weine ich, wenn ich lache lach ich..., wenn ich faul bin räkel ich mich in der Sonne, wenn ich einschlafe im Workshop schlaf ich ein.


Letztens hat mir eine Workshopleiterin sogar ganz verzückt gesagt, das es bezaubernd aussah, wie ich geschlafen und wie ein Baby geschnorchelt habe...

Der Workshop war wohlgemerkt über das böse Mädchen in uns und wie wir es genießen können und die passenden Adepten dazu zum Quälen zu finden, die das dann auch noch genießen... und wie schwer es uns Frauen fällt, wirklich böse zu sein, selbst wenn wir es denn dürfen und es explizit erwünscht ist...


Aufgeweicht noch von einem Babymassagewokshop, bei dem mich ein entzückter runder bärtiger Papa massiert und liebevoll umsorgt hat... (und noch noch lang nicht wieder erwachsen geworden), war ich zwar neugierig, aber selbst ein böses Mädchen zu sein erschien mit in dem Moment unmöglich. Also schlummerte ich friedlich an der Seite der Workshopleiterin und das war für alle ok...


Wenn ich mal wieder zu spät komme zum Workshop, komme ich entweder rein, oder ich komme nicht rein. Keiner wartet auf mich oder guckt mich danach böse an. Es ist meine Verantwortung. Und wenn ich raus gehen will, weils nicht mein Ding ist, gehe ich einfach raus. Keiner versucht mich zu halten, mir hinter her zu rennen und mich über meine Widerstände aufzuklären und mir anzuraten, durch den Prozess zu gehen. Wozu auch, die Widerstände schmelzen relativ schnell... ich kann so sein wie ich bin, wozu in Widerstand gehen?


Einfach entspannen oder anspannen... einatmen, ausatmen, beobachten... spielen mit dem Atem... oder mit der WäscheKlammer und dem Menschen vor mir... wo steck ich die Klammer jetzt ran und was passiert dann? Gefällts ihm, lacht er oder faucht er... beobachten, kommunizieren in Körpersprache... zwischen Herausforderung und Entspannung...


Ohne, das ich es muss und irgendwas sollte. Ohne das ich das Gefühl habe, was zu unterdrücken, wenn ich es nicht tue. Was für eine Erleichterung!!!


Das einzige zu was man immer wieder angehalten ist, sich zu beobachten, wahrzunehmen, zu gucken was man braucht... klar Nein zu sagen, wenn man was nicht will und Ja zu sagen, was sich gut anfühlt. Schmerz zu nehmen, mit ihm zu spielen, zu genießen. Wie Kinder, Rollenspiele, alles ausprobieren... nur eben auch mit Sexualität auf spielen. Und das Spielen darf tief gehen... muss aber nicht. Auch hier, kein Anspruch...


Man könnte meinen, das endet im Chaos aber ich finde viel mehr

Tiefe, Spirit, Kraft, Ehrlichkeit, Meditation und Struktur darin, als in vielen althergebrachten Gruppenstrukturen. Niemand spricht von Erwachen und Erleuchtung, Heilung, Verbesserung...

Felix lästert sogar ganz gern mal über uns „Tantramaffia“ und nörgelt, wenn Workshopleiter von Heilung sprechen.

Vielleicht finde ich gerade deswegen ne ziemlich praxisorientierte beeindruckende Reflektiertheit unter den Leuten? Aha... oho...grins und natürlich Humor....


In der Schwelle begegnen sich Menschen, die gerne forschen, viele sind Tänzer, Künstler Bodyworker, Masseure, Yogis, ZENis, schräge Gestalten, Tantriker, und BDSMer...

Kursleiter sind auch Teilnehmer und Teilnehmer werden Kursleiter. Mann lehrt nicht, man tauscht Erfahrungen, teilt sich mit und experimentiert mit Ideen.


Auf diese spielerische Art hab ich in kurzer Zeit mehr gelernt als in allen Tantrakursen in den vergangenen Jahrzehnten zusammen. Der Kurleiter ist kein Guru, der alles weiß und wir die Lernenden. Alle Lernen... exakt jetzt... oder eben nicht. Auch ok.


Sind die Kursleiter nicht offen, gehen die Leute einfach wieder... sie sind gute Qualität gewöhnt...

Wir sind dabei, wenn Ideen entstehen, setzen selbst mit um, er/sie ist an-greif-bar, will meistens Feedback und wir sind Teil des Gestaltungsprozesses.


Klar geht da auch was schief, es ist nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen.

Muß es ja auch nicht.. es besteht kein Anspruch... zumindest nicht meinerseits.


Die Freiheit, die ich bekomme Fehler zu machen, gebe ich auch gern Felix und seiner Crew... warum sollten sie besser sein? Auch sie sindeinfach, was sie sind...

Wenn sie wirklich großen Mist machen gibt’s einfach was aufm Arsch. Da haben beide Parteien was davon. :-)


Manches ist einfach auch nicht mein Geschmack... auch das ok.


Das Spielfeld ist in erster Linie Körperarbeit, Kunst und Sexualität... aber ich merke, wie es sich mehr und mehr durch alle Bereiche meines Lebens zieht. Nirgendwo habe ich besser gelernt, nein zu sagen als im BDSM, zu mir zu stehen und mich hinzugeben oder abzugrenzen... je nachdem. Ich hab mich unglaublich mit mir entspannt, ohne das ich mühsam lernen mußte mich zu lieben...

Und ich hab viel für meine Workshops gelernt. Mit Freude lernt sichs einfach besser...


BDSM ist ein Tanz an der Grenzen und schult die Aufmerksamkeit noch weit mehr, als ich es vom Tantra kenne. Daher ist die Schwelle7 für mich ein Platz, der an für sich unverzichtbar ist, wenn wir uns wirklich weiter entwickeln wollen, auch oder vielleicht gerade weil es kein direktes Ziel gibt sondern es um das „jetzt“ geht...

Auch ist es ein internationaler Platz. Die Hauptsprache ist oft englisch, da Menschen aus der ganzen Welt in die Schwelle7 kommen um zu experimentiere und sich auszutauschen.


Warum sollte jemand dieses Projekt unterstützen?

 

schwelle7 inspiriert durch ein innovatives Programm von einzigartigen Workshops (Körperarbeit, Tanz, Sexualität), die meist speziell für schwelle 7 konzipiert werden und daher weltweit konkurrenzlos dastehen. schwelle7 veranstaltet darüber hinaus von Felix Ruckert entwickelte partizipative Performances: spezielle „Play Parties“, die eine einzigartige Mischung aus Konzert, Raumgestaltung, Choreografie, SM-Spiel und spontaner kreativer Aktion darstellen und zu den innovativsten Berliner Partykonzepten zählen. Schwelle 7 beherbergt ausserdem eines der grössten und aktivsten Schulungszentren für Japanische Seil Bondage (Kinbaku) weltweit, einer künstlerischen Praxis die rasant an Popularität gewinnt. All dies soll erhalten bleiben und weiterentwickelt werden.

 

Auf der schwelle7 wird Kunst mit sozialen und politischen Ideen verbunden. Inhaltlich geht es uns um sexuelle Liberalisierung, Hinterfragung hierarchischer Strukturen, Gewalt- und Konfliktforschung, sowie um die Verflüssigung geschlechtlicher Konstruktionen. Bei der organisatorischen Umsetzung der Inhalte achten wir auf soziale Verträglichkeit (günstige Workshop-Preise, Ermässigungen für sozial Schwache) und die Anwendung ökologischer Prinzipien (Müllvermeidung, Plastikverbot(!), Vegetarische Ernährung und Ökostrom).

Schwelle 7 hat ein einmaliges Feld geschaffen, in dem Kunst und Sexualität frei erforscht und intelligent praktiziert werden können.

schwelle7 verzaubert und macht glücklich.


 



"Ganz persönlich glaube ich wirklich dass die Events in der schwelle7 der Entstehung einer neuen sexuellen Kultur dienen."

                                                       Martina Weiser



Felix Ruckert selbst:


Die Schwelle7 ist experimenteller Körperarbeit und Körperforschung gewidmet, vor allem aber Spiel, Zauberei und sanftem Wahnsinn.

Das künstlerische Prinzip ist Juxta-position: Energie, die freigesetzt wird, wo heterogene Elemente zusammengewürfelt werden, ohne den Versuch ihre Unterschiede zu glätten.
Juxtaposition als formelle Operation von Synchronizität. Geheime Verbindungen, die plötzlich sichtbar werden und Bedeutung gewinnen. Zufalls-kollaborationen, Collagen.“


Anmut, die durch das Zusammenspiel von Fragmenten entsteht. Absurdität, Ironie, Instabilität. „



Schwelle7 ist ein Veranstaltungsort im Berliner Wedding, der auf 500 qm Fläche Workshops, Performances und Parties auf der schwelle zwischen Kunst und Sexualität organisiert.


Der Leiter, Felix Ruckert ist Tänzer, Choreograph und Konzeptor. schwelle7 dient ihm als Bühne, Wohnort und ökonomische Basis. Er konzipiert und organisiert experimentelle Workshops und Performances und lässt und sich dabei von unterschiedlichsten Körperpraktiken inspirieren.


Schwelle7 veranstaltet Workshops zu Tanz, Performance Kunst und Body Art, sowie Seminare die sich praktisch-technischen Fertigkeiten des SM - Spiels widmen, oder auch theoretische, ästhetische oder philosophische Aspekte von BDSM behandeln. schwelle7 versucht Verbindungen, Parallelen und Schnittstellen zwischen diesen Welten zu erforschen.

Bei aller Radikalität unserer Aktivitäten versuchen wir stets Offenheit und Flexibilität im Denken und Handeln zu bewahren.


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Kommentare: 1
  • #1

    Silke Niggemeier (Dienstag, 28 Juli 2015 21:21)

    Wunderbar geschrieben. Voll aus dem Bauch heraus und dem was ich am Wochenende erleben durfte so nah.

    Ich wünsche mir, uns und dem Team der Schwelle7 das es klappt!

    AUS VOLLEM HERZEN !