Interviiew mit mir in der Augsburger Allgemeine...

 

Interview

 

Sex unter Behinderten:

Ein Gespräch über ein Tabuthema

 

 

 

Deva Bhusha Glöckner arbeitet als Sexualbegleiterin in München und hilft Behinderten, ihre sexuellen Bedürfnisse auszuleben. Welche Wünsche sie an die Gesellschaft hat.

 

 

Eine Sexualbegleitung hilft sowohl körperlich als auch geistig Behinderten dabei, ihre sexuellen Bedürfnisse auszuleben.

 

 

Sexualität von behinderten Menschen ist in der heutigen Gesellschaft oft noch ein Tabuthema. Für Deva Bhusha Glöckner ist sie dagegen Teil ihrer alltäglichen Arbeit. Glöckner arbeitet als Sexualbegleiterin in München und hilft sowohl geistig als auch körperlich Behinderten dabei, deren erotischen und sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen. Das reicht bei Glöckner vom einfachen Zusammensein und Umarmen und Massagen bis hin zum Sex. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit als Sexualbegleiterin gesprochen.

 

 

Frau Glöckner, Sie arbeiten in München als Sexualbegleiterin. Wie sind Sie dazu gekommen?

 

 

Deva Bhusha Glöckner: Ich habe schon viele Jahre lang Tantra-Massagen gegeben. Als eine Freundin mir von der Sexualbegleitung erzählt hat, klang das interessant und habe mir das beim ISSB in Trebel (Anm. d. Redaktion: das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter in Niedersachsen) angeschaut. Dort gibt es eine Ausbildung zur Sexualbegleiterin. Danach wusste ich: „Das machst du.“

 

Wie lief die Ausbildung bei Ihnen ab?

 

Glöckner: Ich habe sie über zwei Jahre hinweg gemacht. Bei der Ausbildung hat sich mittlerweile viel geändert. Bei mir war sie sehr praktisch. Nach Trebel kommen viele Menschen mit Behinderungen zu erotischen Workshops. Da kann man als Sexualbegleiterin erste praktische Erfahrungen machen.

 

Und was ist mit Theorie?

 

Glöckner: Theorie gibt es wenig. Es ist nicht so wichtig, so viel über die jeweilige Behinderung zu wissen, weil es nicht um Betreuung, sondern um Begleitung geht. Es geht darum, sich ganz normal zu begegnen. Das Wichtigste ist eigentlich das „Empowerment“. Das bedeutet, dass ich nicht alles mit mir machen lasse. Manchmal muss ich auch frustrieren, weil manche Vorstellungen von Sex haben, die aus einem Porno kommen. Da muss ich dann sagen: „Nein tut mir leid, eine Frau funktioniert anders.“

 

 

Beim ersten Treffen ist Sex ausgeschlossen. Wie oft kommt es denn vor, dass es zum Sex kommt, wenn man sich öfter trifft?

 

 

Glöckner: Es kommt schon vor. Ich könnte nicht sagen, wie häufig, weil die Treffen total unterschiedlich sind. Es ist ja auch eine Frage der Behinderung und der Medikamente, was machbar ist. Und was der Behinderte will. Es kommt nicht so häufig vor, aber es ist wichtig, dass ich es nicht ausschließe.

 

Das heißt, bei Vielen geht es auch um das Zusammensein, das Berühren?

 

Glöckner: Auch eine Frau berühren zu dürfen ist ein ganz wichtiger Punkt: Zu erforschen, wie sieht das aus, wie funktioniert das. Manchmal auch ganz ungeschickt, aber auch  irgendwie unschuldig, vorsichtig und neugierig. Je nachdem wie der Muskeltonus auch ist. Ein Spastiker kann leider nicht so vorsichtig sein. Da muss ich dann auch aufpassen.

 

Sie haben neben der Sexualbegleitung noch ein größeres Repertoire, unter anderem die Tantra-Massagen. Wie viel macht die Arbeit als Sexualbegleiterin aus?

 

Glöckner: Es wird immer mehr. Es ist auch schwer, zu sagen, was genau Sexualbegleitung ist. Ich arbeite auch mit Menschen, die keine sichtbare Behinderung, sondern eher psychische Probleme haben, wenn sie zum Beispiel Jungfrauen sind. Wenn ich das dazuzähle, ist es fifty-fifty. Menschen mit Behinderung möchte ich an sich nicht mehr als Drittel haben. Ich brauche einen Ausgleich und möchte mich nicht zu sehr spezialisieren.

 

Eine Sexualbegleitung ist ja eine sehr intime Sache. Konnten Sie sich immer darauf einlassen? Sicherlich finden Sie ja Viele aus subjektiver Sicht nicht attraktiv...

 

Glöckner: Wen ich attraktiv finde, ist nicht so wichtig. Ich habe auch Leute, die wirklich nicht attraktiv sind, mit denen ich aber wunderschöne Begegnungen habe. Ich habe immer eine andere Wahrnehmung von jemandem, wenn ich mein Herz aufmache. Das ist abgekoppelt von dem, was wir im normalen Leben unter sexueller Attraktivität verstehen. Für mich ist es ganz wichtig, wie jemand genießen und sich selber spüren kann. Umso tiefer jemand sich selbst auf Reise begibt, umso attraktiver wird er letztendlich für mich. Da spielt das Äußere keine Rolle mehr.

 

 

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Arbeit?

 

Glöckner: Meine Familie hat das nie in Frage gestellt. Meiner Oma, sie ist schon weit über 95, hatte ich es nicht gesagt, weil sie sich immer Sorgen um ihre Enkel macht. Ihr habe ich nur gesagt, dass ich mit Behinderten arbeite und sie massiere. Meine Oma hat aber dann im Fernsehen einen Bericht über Sexualbegleitung gesehen, eins und eins zusammengezählt und hat zu mir gesagt: „Das ist ja eine tolle Arbeit, die du machst!“ Ja, sie findet das total gut.

 

Wie sieht das Ihr Mann oder Partner?

 

Glöckner: Ich bin nicht verheiratet, aber mit einem behinderten Menschen zusammen. Für ihn ist das kein Problem. Ich habe ihn in der Sexualbegleitung kennengelernt, er kennt meine Arbeit und hat sie ausgiebig genossen. (lacht) Wir sind ganz bewusst von der Sexualbegleitung zur Beziehung übergegangen. Ich kenne das von Kollegen, die mit einem Gast etwas angefangen haben. Das hat nicht immer gut funkioniert. Aber bei uns funktioniert es hervorragend. Er steht hundertprozentig hinter mir.

 

Die Sexualität von Behinderten ist in unserer Gesellschaft bislang kein großes Thema oder wie erleben Sie das?

 

Glöckner: Es wird wesentlich besser. Das merke ich an den Anfragen und daran, wie oft das Thema an mich herangetragen wird. Manchmal fängt es schon an, mich zu nerven. Denn meine andere Arbeit macht mich lange nicht so interessant wie die als Sexualbegleiterin. (lacht)

 

Was sollte sich noch ändern?

 

Glöckner: Ich wünsche mir, dass das Thema Sexualbegleitung allgemein bewusster wahrgenommen wird, also nicht nur auf Menschen mit Behinderung bezogen. Denn viele Menschen ohne Behinderung brauchen genau dasselbe. Und ich wünsche mir, dass es gesellschaftlich normaler wird, eine Beziehung mit Menschen mit Behinderung einzugehen. Denn da steht immer die Behinderung im Vordergrund. Das merke ich auch, wenn ich mit Menschen über meine Beziehung rede und erzähle, dass mein Partner sich nicht bewegen kann. Dann kommt immer: „Oh Gott, das ist ja schwierig.“ Aber ehrlich gesagt hatte ich mit nicht-behinderten Männern viel mehr Schwierigkeiten als mit meinem Partner. (lacht) Klar ist manches nicht so gegeben wie anderes. Und bei der Sexualität müssen wir uns auch teilweise etwas einfallen lassen. Aber es gibt ja in jeder Beziehung Themen, bei denen man Lösungen finden muss.

 

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

 

Glöckner: Dass Sexwork, egal ob Sexualbegleitung, Tantra-Arbeit oder normale Prostitution allgemein positiver bewertet würde. Die Frauen sollen weder als arme Opfer – es sei denn, sie sind es wirklich, dann sollen sie natürlich jede mögliche Unterstützung bekommen – noch als geldgierige Huren wahrgenommen werden. Sexwork sollte als vollkommen normale Arbeit akzeptiert werden. Es sollte mit Sexworkern gesprochen werden – anstatt über sie. Das Gleiche gilt für Menschen mit Behinderung. Gesetze für Sexworker und behinderte Menschen sollten in Zusammenarbeit mit ihnen gemacht werden! Ich wünsche mit, dass nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden und das dann noch als unterstützend postuliert wird, wie zum Beispiel beim neuen „Teilhabe“-Gesetz und beim neuen „Prostitutionsschutz“-Gesetz.

 

 

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